Dienstag, 21. Juli 2009
Gestern war wieder Webmontag an der Medienhochschule in München. Trotz blendendem Biergarten- und Grillwetter war es - wie immer bei Webmontagen an der MDH - ziemlich voll. Hier nun ein kurzer gnadenlos subjektiver Eindruck über die Vorträge. Leider gab es keine Vorträge von frischen Firmengründern, was sehr schade ist, da dies der mit Abstand innovativste Teil des Webmontag-Vortragprogrammes ist. Nun aber der Reihe nach: - Angefangen hat Johann Peter Hartmann mit einem kleinen Überblick, wo es mit Webanwendungen (und somit eigentlich implizit mit allen Anwendungen) demnächst hingehen wird. Nämlich in die Welt der Services und Clouds, in denen eine Anwendung einfach nicht mehr wissen muss, wo die eigentliche Geschäftslogik für etwas abläuft, sondern nur noch, wo Daten angefragt werden können - was dahinter passiert, ist letzten Endes egal. Das Konstrukt birgt natürlich die Gefahr, dass man keine Kontrolle mehr über die Services (und somit auch Downtimes) hat, dafür benötigt man aber gleichzeitig eine Infrastruktur. Der Browser ist letzten Endes nur noch für das Holen der Informationen von unterschiedlichen Servern und für die Darstellung zuständig. Und - Überraschung - die Zukunft der Programmiersprachen/Frameworks im Web ist nicht Silverlight oder Flash/ActionScript, sondern JavaScript. Dem kann ich nur zustimmen. Es wird demnächst Backend-Entwickler geben, die ihre Daten nur noch als XML/JSON via REST (vielleicht ja auch mal noch ein Webservice, wenn sie bis dahin nicht ausgestorben sind) exportieren. Und es wird Frontend JavaScript Entwickler geben, die diese Backends (und zwar viele davon) dann abfragen und das ganze mit einer dynamischen GUI präsentieren. Hier werden dann Dojo, ExtJS, jqueryUI etc pp ihre große Stunde haben. Nun aber genug geredet. Der Vortrag war für einen Webmontag schon fast zu technisch, aber ich fands natürlich gut, auch wenn für mich nichts neues dabei war.
- Florian Bergmann hat im nächsten Schritt ein wenig von Barcamps und Unkonferenzen sowie deren Organisation und Ausrichtung erzählt. Auch hier gab es nicht zuviel neues, wenn man das Prinzip schon kannte, aber als Einführung war es mit Hilfe des Beispiels am Gamecamp - das vor kurzem bei Microsoft vor den Toren Münchens statt fand - super geeignet. Das Kernprinzip des Barcamps ist der nicht festgelegte Ablauf. Es gibt kein vorheriges Programm, sondern dieses wird von den Teilnehmern erst auf der Konferenz festgelegt. Dementsprechend werden nur die die Themen behandelt, die die Besucher auch wirklich interessieren. Im Gegenzug muss man sich quasi auf Diskussionen und keinerlei Frontvorträge einstellen. Was die Sache natürlich nur interessanter macht. Die Slides gibt es hier.
- Der nächste Vortrag "Social Media als Marketing- und PR-Tool – aktuelle Projekte von Intel bis Telekom" von Richard Joerges und Michael Hülskotter beschäftigte sich - oh Wunder - mit Blogs/Twitter/etc als Werkzeuge zum Markenaufbau und -pflege. Hier kommen wir zu einem interessanten Widerspruch, der dieses gesamte Geschäftsmodell "Marketing im Web 2.0" auf extrem tönernen Füßen stellt. Zum einen sind Blogs (und vor allem auch Twitter, da weiss ich ja bis heute nicht wieso) für die einen das Sinnbild der Authentizität, anscheinend ja auch für Firmen wie vodafone. Quasi die Street Credibility (ich mag das Wort so und wollte es einfach mal unterbringen...) des Web 2.0. Zum anderen wollen Firmen damit Marketing machen?! Wie jetzt? Ein Beispiel aus dem Vortrag: Es ging um ein Projektmanagementtool für den Mac. Durch das Blog wurden die Absatzzahlen verbessert. In dem Blog geht es fast immer um PM und seltenst um das Produkt. Dann fließt ein Nebensatz ala "ja, wir spielen uns unter mehreren PM Blogs die Bälle zu, das verbessert auch das Google Ranking". Reines Marketing. Authentisch, wenn sich immer die paar selben Leute unterhalten und verlinken? Für Google evtl, für den Leser aber sehr fraglich. Noch ein zweites Beispiel: discuss & discover, der Ersatz für die Systems. Die haben jetzt ein Blog. Aber es ist und bleibt doch bemühtes und, wie ich finde, simples Marketing, wenn man sich - wie hier der Fall - für die Pflege des redaktionellen Contents externen Beistand holt. Es kommt nicht "von innen", aus der Firma. Man erhält so keinen Einblick, es ist eben nicht "live und direkt", dass die Leute mal gerade schreiben, was sie gerade machen oder wo sie dran sind. Dieser ganze Themen Komplex "Business Blogs" ist widersprüchlich zum "Grassroots" Ansatz (mir fällt gerade kein beschreibender Begriff ein), der Weblogs entstanden lassen hat. Ich weiss nicht, ob man Blogs für Firmen sinnvoll vermarkten kann (und es interessiert mich auch nicht). Für einzelne Personen ist es etwas ganz anderes - zum Beispiel Experten auf ihrem Gebiet, die sich so quasi eine Reputation aufbauen, aber dahinter steht die Authentizität in Form von etwas greifbarem, der Person und nicht eine lediglich juristisch relevante Kapitalgesellschaft. So genug geschwafelt über mein marketingfreies Weltbild, ich wollte ja noch kurz auf den Vortrag eingehen. Es ist durchaus interessant zu sehen, wie sich große Firmen wie die Telekom langsam, aber sicher über nicht mit dem Kerngeschäft verbundene Bereiche zu den neuen Medien vortasten - am Beispiel developergarden.
- Web 2.0 an der MDH von Wolf Groß und Christian Hubel. Ein kurzer Streifzug durch aktuelle Abschlussarbeiten sowie eine Vorstellung der unterschiedlichen Bereiche der MDH und was diese mit Web 2.0 zu tun haben. Es war das erste Mal seit Beginn der Webmontage, dass mehrere Professoren der Hochschule sich mal zu Wort gemeldet haben und kurz etwas zu diesem Thema gesagt haben. Wie das Amen in der Kirche kam dann natürlich prompt die Kritik, dass es sich um eine Werbeveranstaltung handelt. Interessanterweise habe ich gestern Wolf Groß auf dem Webmontag nochmal ausdrücklich gesagt, dass ich es gut finde, dass sich die MDH bisher auf allen Veranstaltungen nur als sehr unaufdringlicher Organisator gegeben hat. Und dass ich es noch viel wichtiger finde, mal zu zeigen, was die Studenten der MDH mit Web 2.0 überhaupt am Hut haben (einige haben da wirklich interessante Abschlussarbeiten, die höchstwahrscheinlich leider irgendwo versauern werden). Hier scheint die Schwelle zwischen Präsentation und "Shameless self plug" bei den Gemütern der Teilnehmer sehr unterschiedlich zu sein (nichts anderes sind die Gründervorträge ja auch im Endeffekt) - hey, das ist ja wie beim Marketing...
- Der letzte Vortrag in der Runde in der Runde kam von Daniel Plohnke über Multitouch Systeme und ob diese abheben werden. Die Frage, ob Multitouchsysteme so gebaut werden können, dass der Benutzer nur geringe Hürden und eine intuitive Anwendung vorfindet. Wobei sich bei Multitouchsystemen bei mir immer die Frage stellt, was sie ersetzen sollen - anderenfalls hat man keinen oder wenig Grund sich in diese neue Technologie einzudenken. Interessant hier ist allerdings die Entwicklung, es gibt da wohl ein Open Source Projekt, welches das ganze sehr stark pusht. Leider ist mir der Name schon wieder entfallen, da lohnt es sich aber mal, draufzuschauen.
Insgesamt, wie immer, gelungene Veranstaltung.
|