Mal wieder eine heitere Story aus der Reihe "Wie ich meine Führungsqualitäten raushängen lasse" (zeitlich beliebig geschehen). Nachdem ich während eines Jobs innerhalb von 5 Monaten das zweite Mal nach 9 Uhr morgens auf der Arbeit war, gab es um Punkt 10 eine nette Mail vom Chef (mein Chef saß übrigens nur ein paar Meter weiter, ein Hoch auf die neuen Technologien) mit dem Betreff "Was war denn heute los ??" - generell bin ich eh schon Freund der betonten Interpunktion und habe mich somit direkt auf die Mail gefreut. In der Mail stand dann, dass ich mich doch zu melden habe, wenn ich nach 9 Uhr auf der Arbeit erscheine (es war halb zehn, in meinem Arbeitsvertrag stand eine Kernarbeitszeit von 8.30 bis 17.00 - hoch flexibel bei einer 40h Woche) mit der Begründung, dass dies ja sogar die Geschäftsführung macht. Was tun? Sollte ich vor Ehrfucht vor der GF meinen Hut ziehen? Ich war selbstverständlich total verzweifelt...
Auch dieses Beispiel zeugt von einem sehr interessanten Arbeitsbild, dass beim Chef anscheinend noch besteht:
- Jeder hat morgens da zu sein, auch wenn meine höchste Produktivität erst um 18 Uhr abends ist. Die will der Chef nicht, lieber die andere.
- Es ist egal, ob man Kundenkontakt hat oder nicht oder ob man gerade eine Projektdeadline hat (oder eben nicht, wie in meinem Fall), man hat da zu sein
- In diesen 5 Monaten bin ich etwa genau zwei mal gegen 17.00 Uhr nach Hause gegangen. Aber wie das bei feinfühligen Menschen mit ausgeprägten Führungskompetenzen so ist, werden nur die schlechten Leistungen mit Gemecker honoriert, während, da man ja seine Mitarbeiter bezahlt, und Überstunden ja wohl normal sind
- In der Mail stand des Weiteren der Satz "ist kein Problem, es soll halt nicht die Regel sein", wenn man zu spät kommt. Ich war das zweite Mal zu spät und mir wird schon Regelmäßigkeit unterstellt. Na, vielen Dank! Der Chef wirft wirklich ein ausgesprochen gutes Auge auf meine Riten.
Die Reaktion meinerseits war logisch wie vorhersehbar. Die nächsten Wochen habe ich ausschließlich Dienst nach Vorschrift gemacht. Selbst wenn man mitten im Entwickeln ist, geht um 17.00 der Rechner aus - wenn ich den nächsten Tag eine Stunde brauche, um mich wieder in das Problem einzuarbeiten, habe ich Glück gehabt, denn ich war ja schon so früh da. Kaum Zeit verloren!!! Yeah!
Als Highlight zum Ende der Mail stand dann noch, dass, falls ich mich doch gemeldet habe, ist das untergegangen. Das bedeutet, dass der Chef blind ausgeteilt hat. Management-by-tryout.. ein völlig neues System, revolutionär quasi.
Da stellt sich halt doch immer wieder Frage, ob es heutzutage zu viel verlangt ist, seine Arbeit mit einer gewissen Freiheit zu erledigen (solange sie erledigt wird, ohne Frage!) anstatt dem Mitarbeiter irgendwelche sinnlosen Grenzen aufzuzeigen, die weder für Unternehmen, den Mitarbeiter noch für das Verhältnis Mitarbeiter<->Chef auch nur ansatzweise fördernd sind.
In diesem Unternehmen wurde die Frage vorzüglich und sowohl eindeutig als auch einseitig beantwortet.